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Bodenstörung als ökologischer Faktor in Sandökosystemen:Kausalanalyse der Systemantwort im Rahmen von Freilandexperimenten auf Flächen eines ehemaligen Truppenübungsplatzes bei Erlangen-Nürnberg.Prof. Dr. Anke Jentsch
Frühe Sukzessionsstadien von Binnendünen sind wesentlich durch häufige, kleinräumige
Bodenstörungen geprägt (Ameisen, Kaninchen, Tritt, Erosion).
Die verschiedenen Pflanzengemeinschaften dieser Extremstandorte (Flechtenrasen, Silbergrasfluren, Calluna-Heiden)
können nur durch die Kontinuität der lebensraumtypischen Dynamik und Prozesse erhalten werden.
Im Rahmen dieses Dissertation wurde die Rolle von Bodenstörung als ökologischer Faktor für die
Vegetationsdynamik kausalanalytisch untersucht.
Ziel der Freilandexperimente und populationsbiologischen Studien war einerseits die Gewinnung von Erkenntnissen
über die kausalen Hintergründe der im Freiland beobachteten Musterbildungsprozesse.
Andererseits sollten konkrete Handlungsanweisungen für die Pflege und den Erhalt von Sandökosystemen
resultieren, denn ein Großteil offener Sandlebensräume befindet sich heutzutage auf Truppenübungsplätzen,
die bei Nutzungsumwidmung für Belange des Naturschutz zur Verfügung stehen. Forschung im Rahmen meiner Dissertation und assoziierter Diplomarbeiten:
Störung als ökologischer Faktor in Sandlebensräumen
Störungen seien als diskrete Ereignisse definiert, durch welche Resourcen frei werden, und auf die strukturelle oder
qualitative Veränderungen einer Lebensgemeinschaft folgen (vgl. PICKETT & WHITE 1985).
Sie treten als natürliche oder anthropogene Faktoren in fast allen Ökosystemen auf, betreffen verschiedene
räumliche und zeitliche Maßstabs- und Organisationsebenen und stellen eine der Hauptursachen von
Vegetationsdynamik dar. Doch ein umfassendes theoretisches Konzept zum Phänomen "Störung" existierte zum
damaligen Zeitpunkt nur in Ansätzen. Ein wichtiger Grund hierfür liegt darin, dass die erforderlichen
Datenkollektive über die kausalen Wechselbeziehungen zwischen Störungsregime einerseits und der darauf erfolgenden
Systemantwort andererseits noch weitgehend fehlten. Zur generalisierenden Beschreibung dieser Wechselbeziehungen muß
eine Strukturierung und Skalierung der betrachteten Dimensionen vorgenommen und dann nach Mustern gesucht werden, die für
die Bildung von Hypothesen zur Vegetationsdynamik geeignet scheinen.
Stickstofffreisetzung durch Bodenstörung (Nitrat, Ammonium)
Sandstandorte gelten als extrem nährstoffarm und damit Stickstoff-limitiert. Es wird jedoch angenommen, dass
durch Bodenstörungen Nährstoffe mobilisiert und damit wichtige Resourcen bereitgestellt werden, die den
Sukzessionsverlauf beeinflussen. Im Rahmen dieses Experiments wurden Ausmaß und Dauer der Nährstofffreisetzung
nach verschiedenen Bodenstörungen (Oberbodenabtrag, -durchmischung und Verdichtung) bestimmt und mit den
Entwicklungen der Vegetationsdynamik korreliert. Es erfolgen wiederholte Messungen von Gesamt C, N, Ammonium (Indophenolblau-Methode),
Nitrat (UV-Differenz-Methode), Phosphat (CAL-Methode), pH-Wert und gravimetrische Bestimmungen der Bodenwassergehalte.
Außerdem wurde eine Bodendichtebestimmung mittels Bodenpenetrometer durchgeführt. ![]() Vegetationsdynamik verschiedener Pflanzengemeinschaften nach Bodenstörung (Wiederbesiedlung, Musterbildung, Funktionelle Gruppen)
Kleinräumige Bodenstörungen sind häufig vorkommende Ereignisse in Sandökosystemen, die wesentlich
zur Dynamik von Offenstandorten beitragen. Im Rahmen dieses Experiments sollten die einsetzende Vegetationsdynamik,
Musterbildungsprozesse sowie unterschiedliche Strategien der Wiederbesiedlung nach mechanischen Bodenstörungen in
frühen Sukzessionsstadien von Binnendünen charakterisiert werden. In verschiedenen Pflanzengemeinschaften,
die sich durch ihre Artenzahl und -zusammensetzung, Vegetationsstruktur und die Produktivität des Standorts
unterscheiden, wurden Bodenstörungen durchgeführt (Oberbodenabtrag mit Entfernung von Biomasse und
Diasporenbank, Oberbodendurchmischung, Übersandung und Bodenverdichtung).
Es erfolgen dann wiederholte, feinanalytische Kartierungen floristischer und funktioneller Vegetationsparameter,
um die sich räumlich und zeitlich ergebenden Muster der Systemantwort zu erfassen. ![]() Keimlingsetablierung von Corynephorus canescens und Hieracium pilosella nach Bodenstörung in verschiedenen Pflanzengemeinschaften bei Variation von Raumangebot und Randeffekten.
Ein besonders wichtiger Parameter für die Vegetationsentwicklung nach Bodenstörungen ist zweifellos die
Keimlingsetablierung. Um diese wichtige Größe in ihrer Abhängigkeit von verschiedenen Störungsregimen,
dem durch sie zur Verfügung gestellten Substrat aber auch von auftretenden Randeffekten charakterisieren zu können,
wurden spezielle Einsaat- und Pflanzexperimente auf kleinräumig gestörten Flächen mit unterschiedlichem Raumangebot
durchgeführt. Als Etablierungsarten wurden zwei typische Erstbesiedler mit unterschiedlicher Lebensform getestet,
nämlich die Rosettenpflanze Hieracium pilosella und das Horstgras Corynephorus canescens. ![]() Bedeutung der Diasporenbank für die Wiederbesiedlung gestörter Flächen
Diasporenbanken sind Teil von Pflanzenpopulationen am natürlichen Standort. Sie bieten Möglichkeiten zur
Überdauerung und zur Regeneration nach Störung. Durch Bodenstörung kann der Samenvorrat aktiviert und die
Zusammensetzung der Diasporenbank verändert werden. Ziel dieser Untersuchung war eine vergleichende Diasporenbankanalyse
früher Sukzessionsstadien von Binnendünen (offene Silbergrasfluren im Pionierstadium bis zu geschlossenen Calluna-Heiden),
die einem natürlichen Produktivitäts-Gradienten unterliegen und unterschiedliche Störungsgeschichten aufweisen.
Es wurde der Frage nachgegangen, ob das Regenerationspotential der Sandlebensräume aus einem dauerhaften Samenspeicher
im Boden hervorgeht, bzw. welche Arten eine langlebige Samenbank aufbauen.
Dazu wurden verschiedene Bodentiefen beprobt und die mittels Keimlingsauflauf-Verfahren unter standardisierten Bedingungen im
Gewächshaus ermittelt.
Diasporen-Langlebigkeit und Keimungsbiologie dominanter Arten früher Pionierstadien von Binnendünen (Vergrabungsexperiment)
Im Zusammenhang mit der Diasporenbankanalyse wurden für Schlüsselarten der verschiedenen Pflanzengemeinschaften
Untersuchungen zur Langlebigkeit ihrer Samen im Boden (Vergrabungsexperiment) und zu ihrer Keimungsbiologie (versch.
Temperatur-, Licht- und Feuchtigkeits-Regime) durchgeführt. Die zeitliche Begrenzung der Keimfähigkeit bei
Überdauerung unter natürlichen Bedingungen im Boden gibt z. B. Aufschlüsse über die notwendige Frequenz
von Störereignissen zur Aktivierung des Diasporenvorrats. Es wurden sowohl Erstbesiedler verschiedener Wuchsformen wie
Rhizombildner und Therophyten, als auch perenne Strukturbildner und Arten späterer Sukzessionsstadien über mehere
Jahre hinweg getestet. ![]() Einfluß von Beschattung auf die Dominanzverhältnisse in Kryptogamenflächen
Bei fortschreitender Sukzession werden niedrigwüchsige Arten der Offenstandorte zunehmend durch Obergräser,
Büsche oder Bäume beschattet und dadurch verdrängt. Dies betrifft vor allem auch die an extrem lichtreiche
und wasserarme Standortverhältnisse angepaßten Moose und Flechten. Im Rahmen dieses Experiments wurden verschiedene
Kryptogamenflächen künstlich beschattet und darauf folgende Verschiebungen der Dominanzverhältnisse beobachtet.
Die Deckungsgradanalyse erfolgt mittels digitaler Bildverarbeitung (DIETZ und STEINLEIN 1996). Mikroklimamessungen (Temperatur,
Strahlung, Bodenfeuchte) lieferten ergänzende Daten zu den veränderten Standortbedingungen.
Juniorprofessur (BMBF) Störungsökologie und Vegetationsdynamik UFZ - Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle, Department Naturschutzforschung Permoserstr. 15, 04318 Leipzig Tel. 0341-235-2100, Fax 0341-235-3191 E-mail: anke.jentsch@ufz.de Universität Bayreuth, GEO II, D-95440 Bayreuth Tel. 0921-552290, Fax 0921-552315 E-mail: anke.jentsch@uni-bayreuth.de |