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Phytodiversität im Ökosystem Wald - aufgezeigt am Beispiel des Nürnberger Reichswaldes *Dr. Gerhard Brunner Fragen der Phytodiversität im Ökosystem Wald werden innerhalb der AG Geobotanik insbesondere im Nürnberger Reichswald untersucht. Dies hat folgende Gründe:
Daraus wurde das Projekt Einfluss der Sukzession auf die Biodiversität der Sandboden-Vegetation Teilprojekt: Aktuelle und potenzielle Biodiversität der Waldgesellschaften des Nürnberger Reichswaldes entwickelt Die Erforschung der Pflanzengesellschaften auf Sandböden ist aufgrund der regionaltypischen Besonderheit – das Mittelfränkische Becken weist die größten Sandflächen des süddeutschen Raums auf – seit Jahrzehnten eine der zentralen Aufgaben der Arbeitsgruppe Geobotanik am Institut für Botanik und Pharmazeutische Biologie. Neue Fragestellungen nach Sukzessionsdynamik und Sicherung der Biodiversität bewirkten im vergangenen Jahrzehnt eine Intensivierung dieser Forschungsaktivitäten in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Experimentelle Biologie und Ökosystembiologie der Universität Bielefeld. Mit der Vorlage der Karte der natürlichen Waldzusammensetzung Bayerns wurde die Diskussion um die naturnahe Entwicklung unter Beibehaltung einer maximalen Biodiversität auch in Bayern aktuell. Das Auslaufen der staatlichen Mittel für das Reichswaldprogramm der Bayerischen Staatsforstverwaltung wird ebenso neue Diskussionen zum künftigen Erscheinungsbild des Nürnberger Reichswaldes auslösen. Diese Rahmenbedingungen führten zur Entwicklung des Teilprojekts „Aktuelle und potenzielle Biodiversität der Waldgesellschaften des Nürnberger Reichswaldes“. Es widmet sich dem Endstadium der Vegetationsentwicklung (Klimax) auf Sandstandorten. Die Sicherung der Biodiversität ausgehend von den aktuellen Rahmenbedingungen und deren Dynamik bei verschiedenen Zielperspektiven der Sukzession bilden die zentrale Fragestellung.
Der Nürnberger Reichswald Der Nürnberger Reichswald ist das fünftgrößte zusammenhängende Waldgebiet Bayerns außerhalb der Alpen. Die Ausdehnung des Waldes im Naturraum „Mittelfränkisches Becken“ erstreckt sich dabei von den Siedlungsflächen des Verdichtungsraums bis zum Anstieg der Frankenalb. Diese Lage erklärt auch die herausragende Bedeutung als Naherholungsraum und Klimafaktor für die Stadt Nürnberg. In Reichsstädtischer Zeit, vor 1806 stand die wirtschaftliche Bedeutung des Reichswaldes und damit die Versorgung mit dem Rohstoff Holz im Vordergrund. Heute sorgt man sich neben der Sicherung der Waldfläche insbesondere um den Ausbau der Artenvielfalt (Biodiversität) in diesem großen Waldgebiet. Der Reichswald ist in drei Bereiche gegliedert. Im historischen Sinn setzt er sich aus dem ca. 11.200 ha großen Sebalder Reichswald im Norden und dem ca. 14.700 ha großen Lorenzer Reichswald zusammen. Spätestens seit der Bannwald-Ausweisung 1980 wird das anschließende und ökologisch ähnliche Waldgebiet bis in den Raum Roth und Allersberg als Südlicher Reichwald mit einer Fläche von ca. 10.600 ha bezeichnet.
Flächenschutz und Bannwaldausweisung Im Jahr 1830 umfasste der Nürnberger Reichswald eine Fläche von 44.267 ha. Dabei bildete der Lorenzer Wald mit 20.721 ha den größten Abschnitt. Heute sind es noch 36.500 ha. Die Ausdehnung der Siedlungsgebiete von Nürnberg und Erlangen, die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und nicht zuletzt die Aufmarschflächen der Nationalsozialisten setzten einen Flächenschwund in Gang, der im Zeitraum zwischen 1955 und 1980 seinen bisherigen Höhepunkt erreichte. Am stärksten war der Lorenzer Wald betroffen, der bis ins Jahr 2000 29,1% seiner Ausdehnung einbüßte. Die Entwicklung im Südlichen Reichswald verlief stark Zeit verzögert. Zwischen 1830 und 1955 dehnte sich dieser Waldbereich sogar um 3% aus. Erst ab 1980 setzte im Südlichen Reichswald eine Rodungsaktivität ein. Mit der Ausweisung des Reichswaldes als Bannwald im Jahr 1980 konnten Waldrodungen im Reichswald deutlich verringert werden. ![]()
Baumarten und Biodiversität Eine flächendeckende Erfassung der Aktuellen Vegetation, die digitale Darstellung und floristische Analyse lassen eine statistische Zustandserfassung der Vegetation des Reichswaldes zu. Die Baumartenverteilung weist die Kiefer mit einem Anteil von 65% als die häufigste Baumart des Gebiets aus. Zusammen mit der Fichte liegt der Nadelholzanteil bei 81%. Stiel- und Traubeneiche stocken auf 8% der Waldfläche. Der hohe Anteil der Erle widerlegt die These, der Reichswald sei in seiner Gänze eine trockene Sandfläche. ![]() Neben der Baumartenverteilung ist gerade die Ausbildung der Pflanzengesellschaften von Interesse. Vierzig verschiedene Waldformationen können im Reichswald nachgewiesen werden. Das Spektrum reicht vom nahezu unterwuchsfreien Roteichen-Forst bis zum blütenreichen Carpinetum. Trockene und wechselfeuchte Ausbildungen des Leucobryo-Pinetum bilden etwa die zwei Drittel des Reichswaldes. Als Besonderheit im Nordbayerischen Raum sind die seltenen und gefährdeten Flechten-Kiefernwälder auf ehemaligen Wanderdünen zwischen Brunn und Leinburg zu nennen. Hier steht die Frage nach dem langfristigen Fortbestand der Gesellschaft bei anhaltendem atmosphärischem Stickstoffeintrag im Zentrum der Untersuchungen. Die Fragestellung der Sicherung typischer, z. T. auch anthropogen bedingter Waldformationen auf Sandböden wird auch durch das vom Bayerischen Naturschutzfond geförderten Projekt SandAchse Franken seit 2000 verstärkt aufgeworfen. ![]() Bei den bodensauren Laubwäldern konkurrieren die Luzulo-Querceten mit den Luzulo-Fageten um die Vorherrschaft. Gerade das künftig sich einstellende Verhältnis zwischen Eichen und Buche ist auch in der Wissenschaft heftig umstritten. Sukzessionsuntersuchungen sollen Aufschluss geben.
Da aktuell aber nur 15% der Bestände des Reichswaldes als naturnah bewertet werden, ist eine Abschätzung natürlicher Prozesse sehr schwer. Bei den künstlichen und stark beeinflussten Forsten, ist dieser Wirtschatseinfluss so hoch, dass die Arten- und Strukturvielfalt in hohem Maße darunter leidet. ![]() Deshalb wird es die zentrale Aufgabe der Zukunft sein, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Reichswaldes zu erhalten und dabei Aspekte wie Artenvielfalt und Naturnähe der Bestände deutlich zu verbessern. Die Entwicklung von Aussagen zur Potentiellen Natürlichen Vegetation sollen dafür entscheidende Hinweise liefern. Auf Basis des Konzepts der Potenziellen Natürlichen Vegetation können Vorschläge zur Entwicklung eines naturnahen, stabilen Waldökosystems mit hoher Biodiversität abgeleitet werden. ![]()
* Die Forschungsarbeiten zum
Thema Wald wurden zeitweise vom Bund Naturschutz in Bayern e. V. und der
Staedtler Stiftung Nürnberg unterstützt. Dr. Gerhard Brunner Tel. 0178-3303921 E-mail: ger.brunner&t-online.de |